Die LeseLenz-Preisträgerin der Thumm-Stiftung für Junge Literatur 2019


Anja Tuckermann © Bernd Sahling
Anja Tuckermann © Bernd Sahling

Die Begründung der Jury zur LeseLenz-Preisträgerin 2019:

 

Anja Tuckermann

 

Sich und seinen Themen treu zu bleiben und dennoch immer neue Wege der literarischen, der künstlerischen Umsetzung zu finden, dieser Herausforderung stellt sich Anja Tuckermann mit jedem neuen Text und sie stellt sich dieser Aufgabe nicht nur, sie meistert sie auf so eindringliche und poetische Weise, dass sie schlicht und einfach preiswürdig ist. „Dinge, die man früher Kindern und Jugendlichen im wirklichen Leben zugemutet hat, können die Kinder der heutigen Generation mit satten Bäuchen und in warmen Zimmern sehr wohl auch lesen“, so Mirjam Pressler in einem Interview. In diesem Sinne schreibt Anja Tuckermann zum Beispiel vom Lebensweg des Sinto-Jungen Mano, der nicht nur mehrere Konzentrationslager, sondern auch den Todesmarsch von Sachsenhausen überlebte und setzt dort an, wo viele Texte zu diesem Thema enden: wie überlebt ein Kind, das überlebt hat.

 

Der jüngeren Leserschaft bringt sie das kunterbunte Leben von Menschen unterschiedlichster Nationalitäten näher oder erzählt die verrückt-feinsinnige Geschichte von einem Mann, der gerne eine Blume wäre.

 

Die richtige Sprache für jedes Buch, sein Anliegen und seine Leserschaft zu finden ist ein Markenzeichen von Anja Tuckermann, genauso wie sie mit jedem ihrer Texte dem Lesepublikum, ob jünger ob älter, etwas zumutet und keine in Watte gehüllte Erbaulichkeitsliteratur präsentiert, sondern Bücher, die so zeitbezogen und gleichzeitig zeitlos sind, dass sie lange nachhallen.

 

 

Jury:

 

Ulrike Wörner

Finn-Ole Heinrich

Arne Rautenberg

 

 

 

Anja Tuckermanns Dankesrede

 

(gehalten am 5.7.2019 in Hausach)

 

 

Sehr geehrte liebe Damen und Herren, Freundinnen und Freunde,!

ich freue mich, dass ich hier sein darf, in Hausach, beim Leselenz, bei euch. Ich freue

mich sehr über die große Anerkennung und Würdigung meines Werks.!

 

„Zeitbezogen und gleichzeitig zeitlos“ steht in der Jury-Begründung - das ist tatsächlich ein

Grundanliegen meines Schreibens. Geschichte und Geschichten so zu erzählen, Vergangenheit

so zu beschreiben, dass sie von heutigen, auch ganz jungen Leserinnen und Lesern

in ihr Leben aufgenommen werden können. Dass Geschichte einhakt in das Leben

Einzelner, weil sie mit seinem oder ihrem Leben und ihrer Familie etwas zu tun hat. Weil

sie mit der Politik heute zu tun hat und noch weiter: weil natürlich auch heute Politik mit

unserem Leben zu tun hat, mitunter sogar darin einbricht, auch wenn viele Leute das nicht

mal merken oder glauben.!

 

Erzählen und Aufnehmen kann mit Leichtigkeit geschehen, auch wenn manche meiner

Themen alles andere als leicht sind. Dennoch, ich wünsche mir Leichtigkeit in einem Text,

dass er abhebt, und man muss den Drang haben, die Geschichte lesen zu wollen. Das ist

auch schon das einzige „muss“.

Denn beim Wörtchen „muss“ schwindet oft ja schon die Lust und Leichtigkeit. Nichts muss

in der Literatur, man muss nicht durchhalten, nicht von vorn nach hinten lesen, man muss

nicht einmal lesen.

Man darf.

Es gibt keine Regel für einen Stil - aber ich bin für exakte Entscheidungen. Ich möchte

gern ein Thema durchdringen und dass Leserinnen und Leser es beim Lesen auch mit

durchdringen, erleben und durchschauen können.

Ich möchte, dass ein Stil die Folge einer Entscheidung und nicht einfach nur irgendwie

passiert ist. Oder einfach irgendwie passiert ist und ich mich dann aber dafür entscheide.

 

In Schreibwerkstätten mit Kindern kommen oft die ungläubigen Fragen: Darf ich

auch so, darf ich auch darüber…? Ja, natürlich. Du darfst auch in einem Text jeden Satz

mit „Und dann“ anfangen. Aber nur, wenn du entschieden hast, dass du es so willst. Aber

nicht, weil es einfach so passiert ist und du zu faul bist, den Text zu überarbeiten.!

 

Beim Bilderbuch „Alle da!“ habe ich lange herumprobiert, wie ich es aufbauen soll, was alles

dazu gehört. Oder wie ich erklären soll, was ein Vorurteil ist. (Bis ich auf die Idee mit

dem Thüringer kam, der eine Katze auf dem Kopf trägt)

 

Ich möchte, dass die Leselustigen weiterlesen, dabei bleiben, und auch durch die Abgründe

einer Geschichte hindurchgehen können.

Wenn es gelingt, ist in einem Buch alles: Freude, Witz, Angst, Grauen, Liebe, Hoffnung -

ich wünsche mir, dass die Lesenden wie ich beim Schreiben miterleben und immer wieder:

dass sie wissen wollen. Die Tür zur Welt ist offen, ich will sie weiter öffnen.

Und ich finde, dass wer sich eine Meinung über andere, auch fremde Menschen erlaubt,

auch etwas über sie wissen wollen sollte. Ich möchte von Menschen erzählen, die man

zwar anguckt, aber nicht sieht. Weil ich selbst erkennen will.

Beim Lesen verbindet sich mein Leben mit dem Leben der Leserinnen. Wenn ich über

Menschen schreibe, die ich persönlich kenne, verbinde ich im Idealfall durch das Schreiben

zum Beispiel das Kind Mano mit der Lebenswirklichkeit der Lesenden.

 

Es gibt Geschichten, da darf ich nicht anfangen zu dichten, darf nichts dazu erfinden. !

Bei „Mano - Der Junge, der nicht wusste, wo er war“, habe ich bis ins Detail alles von

Mano Berichtete in Archiven oder im Gespräch mit anderen nachrecherchiert, alle Orte

besucht. Auch hier ist im Kopf und im Herzen die Tür zur Welt offen - ich stelle mir Ereignisse

vor, die ich nie erlebt habe. Ich erlebe mit und darf doch nicht projizieren oder interpretieren.

 

Aber ich kann beim Schreiben Zusammenhänge herstellen zwischen verschiedenen Epochen

oder Menschen und Ländern. Und unbedingt mit der Gegenwart.!

 

Durch - schauen bis auf den Grund, Wissenwollen treibt mich weiter.!

Das betrifft in besonderem Maße meine Bücher über die Sinti und die NS-Zeit. !

durch - schauen. Weiter - denken. Und verstehen, worüber manche sagen „Was da geschehen

ist, kann man nicht verstehen“. Irgendwann ist der Moment da, da hat sich alles

Wissen verknüpft, als sei im Kopf das Licht angeknipst: Doch. Wenn man nur genug weiß,

z.B. wie wir manipuliert werden können, versteht man auch, wie solche Verbrechen geschehen

können.

 

Beim Schreiben kann ich die Welt auf den Kopf stellen, verändern. Oft ist zunächst nur ein

Satz da. Der Mann, der eine Blume sein wollte, weil er hungrig nach Leben war. Er blüht

zunächst bescheiden, dann löst er sich allmählich vom Boden, will an immer höheren Stellen

blühen. Und wie weiter, wenn er schon auf dem höchsten Berg blüht? So ein Mann

kann nicht ewig eine Blume sein. Eine Blume verwelkt ja schnell, wäre schade um den

Mann. Was will er denn eigentlich sein?

Eine Frau. Er wagt etwas, er bewegt sich in ein unabgesichertes Leben hinaus und gestaltet

selbst aus freien Stücken, wie er sein Leben gestalten will.

 

Manchmal ist nur ein Satz da:

Allein im Wald. Oder eine Beobachtung: eine Möwe ruht nicht weit von mir am Strand und

schaut aufs Meer, so wie ich. Ich sehe sie und denke: was denkt sie? So entsteht ein Text,

ein Spiel. Die Möwe will nur da sein, wo es blauer ist und entfacht einen Wettkampf zwischen

Himmel und Meer.

Beides sind Bilderbücher geworden.

 

Ein Bilderbuch, das gerade entsteht erzählt von Fräulein Pampelandacht, die sich sagt:!

„Lieber einen Hund als einen Mann.“

Nur der Satz war da. Nicht mal eine Idee dazu. Schreibe ich ihn also auf. Niemand ist gern

allein, nicht mal ein Satz. Suche also noch einen Satz.

 

„Lieber zwei Hunde als einen Mann.“

 

Na gut. Noch einen Satz dazu.

 

„Lieber drei Hunde und drei Katzen als einen Mann.“

 

Noch weiß ich nicht, was geschehen wird. Also noch so ein Freundchen:

 

„Lieber zehn Hamster, drei Hunde, drei Katzen und ein Meerschweinchen als einen

Mann.“

 

Sind jetzt vielleicht genug Tiere, aber wie weiter?

 

„Alle muss man nur füttern und streicheln und sie sind dankbar und verlassen Fräulein

Pampelandacht nicht.“

 

Da ist schon ein Thema.

 

„Lieber vier Wellensittiche, zehn Hamster, zwei Kaninchen, drei Hunde, drei Katzen und

ein Meerschweinchen als einen Mann.

Lieber auch noch ein Kamel als einen Mann.

Fräulein Pampelandacht geht mit ihrem Kamel spazieren. Es ist dankbar und pflegeleicht

und verlässt sie nicht.

Fräulein Pampelandacht hat ein gebrochenes Herz. So gründet sie Pampelandachts Tierasyl.“

 

Und dann entpuppt sich die ganze Geschichte vor mir.

Wie bei Nusret und die Kuh, das erste Bilderbuch, das Mehrdad Zaeri und Uli Krappen

gemeinsam illustriert haben. Was macht man mit einem Haufen Sehnsucht? Nusret geht

von Kosovo nach Deutschland und nimmt seine Kuh mit, sogar mit in die Schule. Und

auch die Kuh lernt lesen und schreiben.

 

Noch ein Satz war einmal da:

Familie Mühsam klettert den Berg hinauf.

 

Daraus ist über Jahrzehnte ein ganzer Zyklus von über 60 Familiengeschichten entstanden.

 

 

1. Familie Mühsam klettert den Berg hinauf …. geht so weiter:

Vater Mühsam sagt: Ist das mühsam, den Berg hinaufzuklettern.

Mutter Mühsam sagt: Es ist viel mühsamer, jeden Tag zu kochen.

Kind Mühsam sagt: Am mühsamsten ist es, mit euch und dem ganzen Essen den Berg

hinaufzuklettern.

 

19. Familie Bescheiden macht einen Infostand für die Welthungerhilfe.

Vater Bescheiden sagt: Man kann bei mir sicher nicht von Vorteilsdenken sprechen.

Mutter Bescheiden sagt: Ich ringe mir ohne Schwierigkeiten Respekt ab.

Kind Bescheiden sagt: Ihr könnt sicherlich die höchste Dunkelziffer an Auszeichnungen

vorweisen.

 

34. Familie Pädagogisch versucht eine Konfliktlösung in der Familie.

Vater Pädagogisch sagt: Wenn du nicht konstruktiv mitarbeitest, was bringt dir das?

Mutter Pädagogisch sagt: Die Autorin neulich in der Schule sagte, man sollte alle Regeln

vergessen, das war kontraproduktiv.

Kind Pädagogisch sagt: Ich geb euch gleich ein Arbeitsblatt, damit ihr zur Ruhe kommt.

 

36. Familie Faul liegt beim Picknick.

Kind Faul sagt: Guck mal, da können welche Fahrrad fahren.

Mutter Faul sagt: Ob wir das noch lernen können.

Vater Faul sagt: In diesem Leben nicht mehr.

 

47. Familie Unbedingt zwängt sich durch eine Menschenmenge am Brandenburger Tor.

Vater Unbedingt sagt: Ich will jetzt einen Brief einstecken.

Mutter Unbedingt sagt: Worein denn?

Kind Unbedingt sagt: Ist doch egal.

 

22. Familie Trocken isst selbstgebackene Kekse.

Vater Trocken beißt ab.

Mutter Trocken kaut.

Kind Trocken schluckt und sagt: Trocken, wa?

 

Familie Nachdenklich kommt nicht zum Denken.

Vater Nachdenklich sagt: Wann hört die denn auf zu reden?

Mutter Nachdenklich sagt: Wenn die redet, kann ich nicht nachdenken.

Kind Nachdenklich sagt: Wenn die endlich aufhört, denkst du sowieso nichts mehr.

 

Denken ist eine Freude, lernen ebenso, erkennen, wissen wollen - wenn man darf und

nicht muss, wenn Türen sich öffnen, der Blick schärfer wird, das brauchen wir heutzutage

besonders. Dann sind es nicht nur die Augen, die sehen, dann schaue ich durch. Denken,

fühlen, finden, öffnen - nicht verschlüsseln - wenn der Verstand klar ist, das nenne ich

Glück.

 

Und Familie Goldig? glänzt durch Abwesenheit.

 

Tante Wolfi Goldig aber dichtet:

 

ick sare komma sajick komma

sachta sachte sachta imma sachte

ick sare komma sajick komma

sachta ja doch sachta ja doch

komma näha sajick näha

kommta näha sachte imma näha

sachta watnu sachta wattenu

ich sare näha sajick komma näha

kommt janznah sachte janzjanz nah

ich sare endlich sajick sachta ja

 

Herzlichen Dank für den LeseLenz-Preis.